Lesenacht gegen Rassismus

Lesenächte werden vom Förderlehrer seit mehreren Jahren regelmäßig angeboten und haben ihren festen Platz im Jahreskreis. Zumeist im Winter, in der dunklen und stilleren Zeit, sind diese Veranstaltungen sehr beliebt und die wenigen (max. 25) Plätze recht schnell vergriffen. Es ist schlicht und einfach interessant, das Schulhaus nachts und am Wochenende in Besitz zu nehmen.                                                             

Zunächst wurde die Planung etc. noch ohne Schülerbeteiligung durchgeführt, doch von Mal zu Mal wurden die AG Bücherei bzw. der Leseclub mehr miteinbezogen und inzwischen mischen die Schüler/-innen gleichberechtigt mit - sowohl bei der Auswahl der Lesestücke, der Planung des Rahmenprogramms, aber auch bei allen anfallenden Arbeiten. So gestalten wir also Lesenächte von Schülern für Schüler! Wir bevorzugen das Vorlesen und bauen in der Regel eine "Selbst - Lesephase" mit ein.

Sehr begehrt ist bei guten Leserinnen und Lesern die Möglichkeit selbst den Teilnehmer/-innen vorzulesen. Die Auswahl des Lesestoffes ist recht unterschiedlich, doch neigen wir dazu so etwas wie einen "Themenabend" zu gestalten. So lasen und hörten wir bisher u.a. "Der kleine Prinz", "Die Mondsteinmärchen", "Ausgewählte Gruselgeschichten" und eben auch ein Buch namens "Brandstiftung" von Elmar von Salm, erhältlich im Arena Verlag, Würzburg unter ISBN 3-410-02516-3 ! Und zu dieser Lesenacht wird an dieser Stelle der Bericht angefügt, den ich für unser Geheft "Erziehung zur Eigenverantwortung" verfasst habe:                                                

  

"Brandstiftung"
Eine Lesenacht für Schülerinnen und Schüler der 8. und 9. Klassen
 

Es war einmal eine Idee. Eine Idee, die darauf abzielte, den uns anvertrauten jungen Menschen das Lesen schmackhaft zu machen bzw. die Freude daran zu erhalten.

Diese Idee entstand aus der Annahme, dass Vorlesen der fundamentale Baustein ist für so etwas wie "Lesefreude" oder "Spaß am Lesen". Diese Idee hat einen Namen: "Lesenacht"! Diese Idee wurde also zunächst wegen o.g. lesefördernder Kriterien schon mehrmals an unserer Schule umgesetzt.

Die Lesenächte dienen somit vorrangig der Absicht, das Lesen positiv zu besetzen und dadurch diese stille und ruhige Tätigkeit als Alternative zu unserem hektischen Alltag nachhaltig in Erinnerung zu rufen.

Im Sinne der Richtlinien zur Suchtprävention bzw. jeglicher Präventionsarbeit:

Lesen als sinnerfüllte Aktivität !

Bald jedoch wurden auch der inhaltliche und der gehaltliche Aspekt mehr in Erwägung gezogen, denn Lesenächte eignen sich dazu, aktuelle oder prinzipiell relevante Themen zu transportieren. So auch in diesem Fall: Das Buch "Brandstiftung" von Elmar von Salm, erschienen 1988, aber leider weiterhin so aktuell wie ehedem, war schon im Februar 1998 die Grundlage für eine unserer Lesenächte und da sich "rechte Gewalt" ganz in unserer Nähe - im östlichen Landkreis Erding - durch eine Brandstiftung entlud, lag es auf der Hand, wieder auf dieses Buch zurückzugreifen. Ein Buch, das an Verständnis, Vernunft, Mitmenschlichkeit  und Offenheit Fremden gegenüber appelliert und das sehr klar aufzeigt, wohin Vorurteile, Intoleranz und Ignoranz führen können. Die tragende Handlungsebene des Buches, die Liebesbeziehung zwischen der deutschen Gymnasiastin Monika und dem türkischen Azubi Selim eignet sich selbstredend glänzend als Fokus für unsere Teilnehmer.

So dürfen wir mit Fug und Recht davon ausgehen, dass diese Lesenacht als präventive Maßnahme sowohl gegenüber Suchtgefahren wie auch gegen eine latent vorhandene Gewaltbereitschaft geeignet ist.

Nun aber konkret zur neunten Lesenacht an unserer Schule, die an einem Freitag im Dezember um 18.00 Uhr begann und am Samstag um 10.00 Uhr endete.

Die Organisation und Durchführung wurde wegen der besonderen Bedeutung des "Plots" auf mehrere Schultern verteilt. Die Federführung lag beim Förderlehrer, der als Betreuer der Schülerlesebücherei bzw. als Beauftragter für Suchtprävention schon mehrmals Lesenächte organisierte und durchführte.

Das Rahmenprogramm wurde zum einen vom Leseteam (Schulsozialpädagogin, Rektor, Beratungslehrer und Förderlehrer) sowie vom Schulsozialpädagogen, der u.a. für die Dokumentation zuständig war und Mitgliedern der AG Bücherei entwickelt. So waren also  bereits "lesenachterfahrene" Schüler/-innen der 8. Klassen in die Planung und Durchführung miteinbezogen, die durch ihre mehrmalige, vorherige Teilnahme und Mitarbeit maßgeblich für einen reibungslosen Ablauf verantwortlich waren.

Wie gestaltet man eine solche Lesenacht, die zum einen Freude am Lesen wecken und zum anderen auch der Sucht - und Gewaltprävention dienen soll, ohne 20 pubertierende Schülerinnen und Schüler zu langweilen ?

Die Zauberwörter heißen hier wie im Unterricht: Rhythmisierung, Variabilität und Schaffen einer vertrauensvollen Atmosphäre !

So begann die Veranstaltung mit einem zwanglosen Eintrudeln der Gäste, wobei sie sich bei Kerzenschein in der Bücherei auf die lange Nacht langsam einstellen konnten. Nach kurzer Vorstellung des geplanten Ablaufs ging es gleich zur Sache. Die meisten Kapitel wurden jeweils von einem Leser vorgetragen, doch schon im zweiten Kapitel wurde eine erste Schlüsselszene im Treppenhaus gespielt. Dabei wurde klargestellt, dass viele Probleme im Grunde nur Missverständnisse sind, die durch mangelhafte Sprachkenntnisse entstehen.

Nach einer längeren Lesephase, in der u.a. durch Rollenlesen aufgelockert wurde, war es an der Zeit, sich am südländischen Büffet zu stärken, das von den Mitgliedern der AG Bücherei vorbereitet wurde und u.a. Börek, griechischen Bauernsalat und Tsatsiki anbot. Abgerundet wurde diese lange Pause durch einen gemeinsamen "Sirtaki - Crashkurs", der von einer griechischen Schülerin angeboten wurde.  

Die nächste Lesephase wurde durch ein Rollenspiel am "Frühstückstisch" aufgepeppt, in dem die Teilnehmer in die Rolle der Protagonistin  Monika und ihrer Familienmitglieder schlüpfen konnten.

Nach einer weiteren Pause strebte die Geschichte langsam auf ihren Höhepunkt zu: Die Brüder der Protagonistin, die einer rechtsradikalen Gruppe angehören, entfachen mit ihren Gesinnungsgenossen einen Brand vor der Wohnung der Familie von Monikas türkischem Freund Selim.

Um diesen dramatischen Höhepunkt richtig herauszuheben, wurde im Schulhof - es war schon einiges nach Mitternacht - ein Feuer entzündet, auf das alle Beteiligten zuliefen. Dies war nicht nur aus dramaturgischer Sicht hilfreich, sondern auch aus einer ganz pragmatischen Überlegung heraus: Die Frischluftzufuhr förderte entscheidend die Aufmerksamkeit unserer Zuhörer. Zudem wurden sie danach auch selbst ins Boot geholt, indem sie sich das vorletzte Kapitel selbst erlasen.  

Das Ende der Geschichte, das gerade noch glimpflich verlief, wurde in Rollen gelesen und um 2.00 Uhr nachts war das Programm vorerst beendet. Das Buch konnte jetzt einige Stunden "einwirken" und beim gemeinsamen Frühstück im Schülertreff "überraschte" uns eine "Radiomeldung" über die Verhandlung gegen die Brandstifter, die auch auf den Vorfall in unserer Nachbarstadt hinwies.

Das abschließende anonyme, schriftliche Feedback in der Bücherei und die Äußerungen der Schülerinnen und Schüler in den Tagen nach der Veranstaltung bestätigten positiv den nicht gerade geringen Aufwand, der für diese Lesenacht nötig war.

Kurz und gut: Ein nachahmenswertes Projekt !

Robert Ackermann, Verbindungslehrer