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Titel im Stern vom 30. 07. 2009 (26 –
39) von Tilman Müller und Janis Vougioukas

Lichtgestalt mit Schattenseiten
Bei
seinem Besuch in Deutschland diese Woche wird der Dalai Lama wieder als
Heilsbringer umjubelt. Das Oberhaupt der Tibeter gilt als Symbol der
Toleranz. Doch Kritiker aus seiner Exilgemeinde fordern vergebens
Religionsfreiheit und Demokratie
Vorgefahren kommt er stets
mit einer großen Wagenkolonne, wie ein Staatspräsident.
Bodyguards umringen ihn,
Filmstars und Firmenbosse stehen huldvoll Spalier, Regierende eilen zu
seiner Begrüßung herbei. Das dürfte diese Woche in Frankfurt nicht viel anders
sein als vergangenes Jahr in Nürnberg.
Der Dalai Lama grüßte die
Menschen mit seinem liebenswert kindlichen Winken. Doch bei seiner Rede im
Rathaussaal stockt den Anwesenden dann der Atem, wie die Lokalzeitung tags
darauf berichtet.
Von Nürnberg, schmeichelt er
dem auserwählten Publikum, habe er schon als Kind Fotos gesehen, "very
attractive", sehr attraktiv, mit "Generälen und ihren
Waffen", mit "Adolf Hitler und Hermann Göring".
Einige der Zuhörer waren
"peinlich berührt", andere "kurzzeitig befremdet".
Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly spricht von einer
"Schrecksekunde", der Ehrengast habe sich anschließend mit dem
Hinweis aus der Affäre gezogen, als Kind sei es ihm unmöglich gewesen, die
Nazi-Katastrophe vorauszusehen.
Hätte sich der Papst in der
Stadt der Reichsparteitage und Rassengesetze zu ähnlichen
Sympathiekundgebungen hinreißen lassen, wäre ein Aufschrei durch die
Republik gegangen. Doch dem Oberhaupt der tibetischen Buddhisten werden
solche Sprüche nachgesehen, obwohl Seine Heiligkeit einigen Grund hätte,
sich mit der Nazivergangenheit kritisch auseinanderzusetzen.
Denn er, der den Titel
"Ozean der Weisheit" trägt, war stets aufs Herzlichste mit seinem
einstigen Lehrer, dem berühmten Bergsteiger und Autor ("Sieben Jahre
in Tibet") Heinrich Harrer, befreundet, einem schneidigen Nazi, der
lange zu verheimlichen suchte, dass er SS-Oberscharführer gewesen war. Der
tibetische Hofstaat pflegte einst enge Verbindungen zum NS-Regime.
SS-Expeditionen wurden in
Lhasa mit allen Ehrenbezeigungen empfangen. Von diesen unrühmlichen
Beziehungen hat sich Seine Heiligkeit bis heute nicht klar distanziert. Und
das ist nicht das einzige dunkle Kapitel seiner Erfolgsgeschichte.
Der Dalai Lama lächelt alle
Bedenken beiseite. Fast überall genießt er eine geradezu gottgleiche
Verehrung. Im Westen erscheint er als Über-Ikone der Neuzeit, doch am
Himalaya regiert er wie ein mittelalterlicher Potentat. Ein sanftmütiger
Gutmensch, der erstaunlich intolerante, ja diktatorische Züge offenbaren
kann. Das traurige Schicksal seines Volkes, die Unterdrückung durch Peking,
die Vertreibung aus Tibet verstellt den Blick auf die inneren Probleme des
Dalai-Lama-Regimes.
Hierzulande füllt er die
Stadien wie ein Popstar. In Nürnberg lauschten ihm 7000 Menschen, in Hamburg
waren es vor zwei Jahren 30 000, in Frankfurt werden dieser Tage in der
Commerzbank-Arena 40 000 erwartet. Oft buchen Fans die Tickets zu Preisen
zwischen 10 und 230 Euro schon über ein Jahr im Voraus.
In Kombination mit den Mega-
Auftritten hat sich in den vergangenen Jahren ein spiritueller Supermarkt
ohnegleichen entwickelt.
728 deutsche und 908
englischsprachige Bücher sind bei Amazon über und vom Dalai Lama gelistet,
13 200 Videos sind es bei Youtube, fast acht Millionen Einträge bei Google.
Der Sohn eines tibetischen Bauern ist der populärste aller lebenden
Friedensnobelpreisträger.
Angehörige aller Religionen
und auch Atheisten pilgern zu den One-Man-Shows. "Wir haben uns direkt
in die Augen gesehen", rief in Mönchengladbach überglücklich eine junge
Frau und versprach nach der kurzen Begegnung, sofort mit dem Rauchen
aufzuhören. "Er schafft es, dass ich mich gut fühle", sagte eine
Zuhörerin in Boston und brachte die Begeisterung für den Dalai Lama auf den
Punkt: "Es ist seine Aura, die Einfachheit." Gerade dort, wo der
Geist der Aufklärung seine Wurzeln hat, in Europa und in den USA, rief der
buddhistische Heilsbringer neue Hochburgen seiner Religion ins Leben. Auch
in der Generation der 68er, die sich stets besonders kritisch gab, findet
er Anklang. Der stern feierte ihn 1971 als "Der Heilige auf dem
Berg", der "Spiegel" schwärmte vor zwei Jahren vom
"Gott zum Anfassen".
Springer-Vorstand Mathias
Döpfner, Ex-Porno-Queen Dolly Buster, Fußballstar Mehmet Scholl,
Ex-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, Love-Parade-Erfinder Dr. Motte
- deutsche Promis ohne Ende verehren Tenzin Gyatso, den 14. Dalai Lama.
Warum diese himmelhohe
Begeisterung?
Weil das Christentum im
Westen Ansehen und Gläubige verliert und ein Vakuum entstanden ist, in dem sich
der Buddhismus als eine Art Wellness-Religion entfaltet. Weil die
friedfertige Gelassenheit, die der Dalai Lama verkörpert, einfach gut tut
im harten Konkurrenzkampf, weil seine positive Ausstrahlung alle
Krisenangst zu bannen scheint. Und weil im Westen eine Tibet-Romantik
wuchert, eine Verklärung des Schneelands auf dem Dach der Welt, in dessen
hinterstem Winkel 1935 Tenzin Gyatso in einer Hütte mit Dachrinnen aus
Wacholderholz geboren wurde.
Der Asien-Experte Orville
Schell, Direktor des New Yorker Zentrums für sino-amerikanische
Beziehungen, hat in zahllosen Werken erklärt, wie sich der Tibet- Mythos
aus der jahrhundertelangen Abgeschiedenheit des fernen Hochlands
entwickelte. Wie fehlendes Wissen die Fantasien blühen ließ. Das begann
1933 mit James Hiltons Roman "Lost Horizon", der auf Deutsch
zunächst unter dem Titel "Irgendwo in Tibet" erschien und im
Sonnenparadies Shangri-La spielt, wo niemand arbeiten muss und alle in
ewigem Frieden leben. Hollywoods Traumfabrik schöpfte später aus dem
Vollen, kreierte eine Symbiose zwischen Tibet und Popkultur und setzte
Tenzin Gyatso mit dem Film "Kundun" ein Denkmal. "Weil Tibet
immer so unzugänglich war", sagt Schell, "existierte es in der
westlichen Vorstellung eher als Traum denn als Realität - ein Land, auf das
wir unsere postmodernen Sehnsüchte projizieren konnten." "Ich bin
für Sie, was Sie wollen, dass ich für Sie bin", sagt der Dalai Lama.
Und so sieht ihn der Bergsteigerstar Reinhold Messner als "Kämpfer für
den Umweltschutz".
Dem Oscar-prämierten Regisseur
Florian Henckel von Donnersmarck gefällt, dass "er das Glück zum
zentralen Inhalt seiner Religion macht". Schauspielerin Uma Thurman
erhofft sich Absolution für ihren blutrünstigen Gewaltfilm "Kill
Bill": "Der Dalai Lama würde sich totlachen", wenn er den
Film sähe.
Und der Dalai Lama macht
unbekümmert mit, ist nach allen Seiten offen - bis zur Beliebigkeit.
Für Präsidenten und
Regierungschefs ist er das ideale Medium, in seiner Nähe erscheint selbst
George W. Bush friedfertig, der hyperaktive Nicolas Sarkozy sanftmütig. Und
der dröge Hesse Roland Koch wirkt, als hätte auch er etwas Esprit. Bei
wertkonservativen und rechten Politikern funktioniert das Spiel der
wechselseitigen Instrumentalisierung besonders gut. Dem österreichischen
Rechtsaußen Jörg Haider war der Dalai Lama eng verbunden, mehrfach besuchte
er ihn in Kärnten.
Das Oberhaupt der Tibeter ist
zwar schon 74, tourt indes erst seit relativ kurzer Zeit so rastlos durch
das westliche Ausland.
Im Juni 1979 hielt er am Mont
Pèlerin, hoch über dem Genfer See, erstmals in Europa eine öffentliche
Unterweisung vor einem größeren Publikum. "Das Interesse am Dalai Lama
war eher gering, wir konnten nicht einmal Polizeischutz für ihn
bekommen", sagt einer der Organisatoren von damals, der heute in der
Schweiz lebt.
Inzwischen ist der Dalai Lama
in der Welt populär, aber nicht mehr in allen Klöstern. "In unserer
Gemeinschaft gab es vor gut zehn Jahren einen Bruch", erklärt ein
früherer Weggefährte. Vordergründig ging es dabei um einen Schutzheiligen,
den die Bruderschaft nicht mehr verehren darf, doch im Kern ist der
religiöse Streit ein Machtkampf, der bis heute mit Intrigen, Rufmord und
Einschüchterung ausgetragen wird. Aus Furcht vor Repressionen bittet der
einstige Dalai- Lama-Vertraute, dass sein Name ungenannt bleibt.
Von der Dalai-Lama-treuen
"Tibetergemeinschaft in der Schweiz" wurden alle Tibeter in der
Eidgenossenschaft ab dem 18. Lebensjahr aufgefordert, "mit sofortiger
Wirkung" die Verehrung des tibetischen Schutzpatrons Dorje Shugden zu
beenden und einen Acht-Punkte-Katalog zu unterschreiben:
"Die wenigen Tibeter,
welche Seine Heiligkeit, den Dalai Lama, unbegründet und maßlos öffentlich
kritisieren, erkennen wir als Kollaborateure des chinesischen Regimes
an." Diese Strategie - wer nicht für mich ist, ist gegen mich oder
steht gar auf Seiten meiner Todfeinde - und der rigide Ton passen so gar
nicht zur sanften Art, mit der sich der Übervater im Westen sonst
präsentiert. Sein Hofstaat in Dharamsala ist noch immer wie im alten Tibet
feudalistisch strukturiert, beherrscht von Orakeln und Ritualen, die mit
westlicher Toleranz und Transparenz wenig gemein haben. Das vom Dalai Lama
1996 ausgesprochene plötzliche Verbot des seit dem 17. Jahrhundert
angebeteten Schutzpatrons Shugden - einer von Hunderten Heiligen im
buddhistischtibetischen Kanon - hat viele gläubige Tibeter in tiefe
Verunsicherung gestürzt. Ihnen ist das Verbot unverständlich; für
Außenstehende ist kaum zu begreifen, mit welcher Unerbittlichkeit es
durchgesetzt wird. Vor dem Bann verehrte wohl ein Drittel der 130 000
Exiltibeter Shugden, öffentlich bekennen sich in Indien jetzt offenbar nur
noch einige Tausend zu dem Kult. Wie es die fünf Millionen Tibeter in China
damit halten, darüber gibt es keine unabhängigen Schätzungen.
Der Journalist Beat Regli
zeigte 1998 im Schweizer Fernsehen erstmals aufwühlende Bilder des in der
indischen Exilgemeinschaft schwelenden Konflikts.
Mönche in hohem Alter, die
unter Tränen bedauerten, nicht schon vor dem Shugden-Verbot gestorben zu
sein. Eine verzweifelte Familie, deren Haus in Brand gesteckt wurde.
Steckbriefe, mit denen Missliebige angeprangert werden. Und ein Dalai Lama,
der seinen Bannspruch kompromisslos verteidigt. "Wrong, wrong",
falsch, falsch, tönt er, kalt und mit einer Schärfe, die dem stets
lächelnden Friedensnobelpreisträger im Westen niemand zutraut.
In Dharamsala geht der Streit
bis zum heutigen Tag weiter.
Mönche, die sich den
Anweisungen des Dalai Lama widersetzen, klagen über massive
Diskriminierung. Verwandte und Freunde werden unter Druck gesetzt.
Geschäfte hängen Zettel an
ihre Türen: "Kein Zutritt" für Shugden-Gläubige. Im vergangenen
Jahr feierte das Kloster Gaden Shartse im südindischen Mundgod die
Einweihung einer neuen Gebetshalle.
"Es sollte ein großes
Fest werden", sagt ein Mönch, der dabei war, aber Angst hat, seinen
Namen zu nennen. Sogar der Dalai Lama war gekommen und mit ihm viele hohe
Würdenträger.
Doch in den Vorträgen und
Reden ging es fast nur um das alte Streitthema Dorje Shugden. Später seien
die Mönche aufgefordert worden, eine Erklärung zu unterschreiben, künftig
den Shugden-Glauben nicht mehr zu praktizieren.
Der Zwist ging so weit, dass
die Klosterleitung kurz darauf eine mannshohe Mauer mitten durch den
Klosterhof bauen ließ.
Der Religionsstreit beschäftigt
inzwischen die Justiz. Auf Antrag der Dorje-Shugden-Gesellschaft soll das
oberste Gericht in Neu- Delhi klären, ob die "religiöse
Diskriminierung" der Shugden-Anhänger mit indischem Recht vereinbar
ist. Eine Entscheidung wird Ende des Jahres erwartet.
Der Dalai Lama sagt, die
Shugden-Verehrung schade seinem Leben und "der Sache Tibets".
Eine weitere Erklärung gibt
er nicht. Gegner vermuten, dass der auch als Orakel befragte Heilige
ausgeschaltet wurde, weil er in Konkurrenz zum Staatsorakel des Dalai Lama
stehe.
Die tibetische Exilregierung
bestreitet alle Vorwürfe. "Es gibt nur noch eine Handvoll dieser
Menschen, und die werden komplett von der Volksrepublik China bezahlt. Das
sind die Einzigen, die heute noch über das Thema sprechen", sagt Samdhong
Rinpoche, Premierminister der Exilregierung.
Von den Chinesen bezahlt zu
werden - das ist der schlimmste Vorwurf, den man einem Tibeter machen kann.
Die Hauptstadt der
tibetischen Flüchtlinge liegt in dem kleinen Ort McLeod Ganj, etwas
außerhalb der Bezirkshauptstadt Dharamsala, zwölf Busstunden nördlich von
Neu-Delhi. 1960 zog der Dalai Lama hier mit Dutzen- den seiner engsten
Mitarbeiter in die ehemalige Residenz des britischen Standortkommandanten.
Tausende Anhänger folgten
ihm.
Viele Inder in der Region
nennen den Ort inzwischen "Little Lhasa".
McLeod Ganj ist winzig, zwei
staubige Einbahnstraßen, die sich den Berg hinaufwinden.
Rund 600 000 Erweckungs-
Touristen kommen jedes Jahr. Cafés und Bars pusten laute Musik ins Tal.
Souvenirstände mit religiösem Kitsch säumen die Straßen, ein Laden bietet
"Mönchs-Mode" an. Die jungen Tibeter tragen Jeans und T-Shirts,
die Touristen aus dem Westen kleiden sich wie die Darsteller in
Bibelfilmen.
Little Lhasa ist zum
Ballermann für Sinnsucher geworden.
Das kleine Regierungsviertel
liegt etwas abseits, den Berg hinab, winzige Ministerien, ein Parlament und
eine Bibliothek in zweistöckigen Kastenbauten. Der Dalai Lama betont oft,
dass die Tibeter in der indischen Verbannung ein demokratisches System aufgebaut
hätten.
Es gibt ein Parlament mit 43
bis 46 Abgeordneten. Die Sitzungen werden auf DVD aufgezeichnet und an alle
Flüchtlingssiedlungen geschickt. Theoretisch könnte das Parlament sogar
Entscheidungen gegen den Dalai Lama fällen. "Das ist allerdings noch
nie vorgekommen", sagt Penpa Tsering, der Parlamentspräsident.
"Alle haben großes Vertrauen in Seine Heiligkeit.
Er sieht die Tibetfrage aus
vielen Perspektiven, er bekommt viele Informationen und ist sehr, sehr
logisch." Lange besetzten die Familienmitglieder Seiner Heiligkeit
wichtige Posten, seit 2001 wird der Premierminister direkt vom Volk
gewählt. Bei der Wahl 2006 wurde er mit über 90 Prozent der Stimmen im Amt
bestätigt.
Die politische Struktur in
Little Lhasa ist vor allem darauf ausgelegt, die Entscheidungen des Dalai
Lama zu bestätigen und seine Macht zu festigen. Parteien spielen keine
Rolle. Eine Trennung von Staat und Kirche sieht die Charta der Exiltibeter
nicht vor, obwohl sie sich mit wohlgesetzten Worten zu den "Idealen
der Demokratie" bekennt.
1990 erschien die unabhängige
tibetische Zeitung "Mang-Tso" (Demokratie) zum ersten Mal - und
wurde schnell zum wichtigsten Medium der Flüchtlingsgemeinde in Little
Lhasa. "Wir schrieben über Wahlbetrug, Korruption und all das, was es
in jedem anderen Land auch gibt", sagt Jamyang Norbu, der ehemalige
Chefredakteur. "Mang-Tso" war unbequem. Die Redaktion ließ sich
auch nicht einschüchtern, als mehrere Redakteure Morddrohungen erhielten
und die Zeitungsjungen auf den
Straßen bedroht wurden. Doch 1996 spitzte sich die Lage zu, kurz nach einem
Bericht über die Aum-Sekte, die 1995 Giftgasanschläge in der U-Bahn von
Tokio verübt hatte, bei denen insgesamt zwölf Menschen starben und Hunderte
verletzt wurden.
Mit dem Chef der
Terror-Sekte, Shoko Asahara, hatte sich der Dalai Lama mehrfach getroffen.
Noch Wochen nach dem ersten
Gasangriff nannte er den mörderischen Guru einen "Freund, wenn auch
nicht unbedingt einen vollkommenen"; erst später distanzierte er sich
von der Aum- Sekte. Wegen dieses Artikels, so die Organisation
"Reporter ohne Grenzen" damals, "setzten die religiösen
Autoritäten die Zeitung umgehend unter Druck". "Mang- Tso"
musste dichtmachen; es war das Ende der "Demokratie".
Kritik und öffentliche
Debatten sind in Little Lhasa nicht erwünscht.
Der Dalai Lama fragt lieber
die Götter und Dämonen um Rat. Das offizielle Staatsorakel Seiner
Heiligkeit heißt Thupten Ngodup, Jahrgang 1958, er wohnt im kleinen Kloster
Nechung, gleich hinter dem Parlamentsgebäude die Treppe runter.
Seit Jahrhunderten lassen
sich Dalai Lamas bei allen wichtigen religiösen und politischen
Entscheidungen vom Orakel beraten.
Nach dem Tod seines
Vorgängers wurde Thupten Ngodup 1987 als offizieller Wahrsager des Dalai
Lama eingesetzt. Es heißt, dass er seine Qualifikation in verschiedenen
Träumen und Visionen zum ersten Mal erkannt habe. Als weiterer Hinweis auf
übersinnliche Befähigung galt auch sein häufiges Nasenbluten.
Wenn der Dalai Lama eine
Frage hat, legt Thupten Ngodup sein 40 Kilo schweres Ritualgewand an.
Weihrauch wird angezündet, und Helfer setzen ihm eine mächtige Krone auf
den Kopf. Dann tanzt das Orakel so lange zu Blashorn- und Zimbelmusik, bis
es in Trance fällt und Sätze murmelt, die nur für geschulte Ohren zu
verstehen sind. Der Dalai Lama glaubt fest an seine Prophezeiungen. Er habe
im Rückblick festgestellt, "dass das Orakel noch immer recht
hatte", sagte er einmal.
Demokratie sieht anders aus.
Doch Kritik am Regierungsstil
des Dalai Lama wird selten laut. Das verbietet die Solidarität mit einem
unterdrückten Volk, das die Großmacht China zum Gegner hat.
Aus seinem Land vertrieben,
muss das Oberhaupt der Tibeter zusehen, wie dort furchtbares Unrecht
geschieht und die alte Kultur langsam ausgelöscht wird.
Die kommunistische Führung in
Peking bezeichnet den Dalai Lama in ihren Hetzkampagnen als "Wolf im
Mönchsgewand", als "Teufel mit dem Gesicht eines Menschen und dem
Herzen einer Bestie". Gleichzeitig unterdrücken die chinesischen
Sicherheitskräfte im tibetischen Hochland jede freiheitliche Regung.
Kein Wunder, dass die meisten
Menschen im Westen für die Schwachen Partei ergreifen.
Doch anders als in der
westlichen Vorstellung war Tibet nie ein Paradies. Als die chinesischen
Truppen 1950 in das Land einmarschierten, befand es sich noch im tiefen
Mittelalter.
Mönche und Adelige teilten
sich die Macht; die meisten Menschen lebten als Sklaven, Leibeigene oder in
Schuldknechtschaft. Eine brutale Religionspolizei sicherte das System mit
Knüppeln und Peitschen.
Viele Klöster verfügten über
eigene Gefängniszellen.
Selbst Dalai-Lama-Freund
Heinrich Harrer war oft schockiert:
"Die Herrschaft der
Mönche in Tibet ist einmalig und lässt sich nur mit einer strengen Diktatur
vergleichen.
Misstrauisch wachen sie über
jeden Einfluss von außen, der ihre Macht gefährden könnte. Sie sind selbst klug genug, nicht
an die Unbegrenztheit ihrer Kräfte zu glauben, würden aber jeden bestrafen,
der Zweifel in dieser Richtung äußerte." Harrer berichtet von einem
Mann, der eine goldene Butterlampe aus einem Tempel gestohlen hatte. Erst
wurden ihm öffentlich die Hände abgehackt. Dann wurde "sein
verstümmelter Körper lebend in eine nasse Yakhaut eingenäht. Man ließ die
Haut trocknen und warf ihn in die tiefste Schlucht."
Die Chinesen feierten sich
nach ihrem Einmarsch als Befreier des tibetischen Volkes, zerstörten
Klöster - und bauten einen neuen, kommunistischen Unterdrückungsapparat
auf. Pekings Propaganda betont oft, dass der Dalai Lama entgegen seinen
Friedensparolen den bewaffneten Widerstand in seiner Heimat unterstützt
habe, auch in der Zusammenarbeit mit "ausländischen
Imperialisten".
Tatsächlich hatten die beiden
älteren Brüder des Dalai Lama Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst
aufgebaut.
In den folgenden Jahren
bildete die CIA rund 300 Tibeter im Camp Hale in den Rocky Mountains zu
Guerillakämpfern aus. In einer Vollmondnacht im Oktober 1957 sprangen die
ersten tibetischen Elitekämpfer aus einer schwarzen B-17 ohne
Hoheitszeichen über Tibet ab. Für den Fall einer Festnahme durch die
Chinesen trug jeder Kämpfer eine Ampulle mit Cyanid bei sich.
Die tibetischen Agenten
schützten den Dalai Lama auch bei seiner Flucht nach Indien, über
Morsegeräte mit Handkurbelantrieb hielten sie Funkkontakt mit der CIA.
Später finanzierten die Amerikaner den Aufbau einer tibetischen
Rebellenarmee im nepalesischen Königreich Mustang.
Erst als sie Anfang der 70er
Jahre den Handel mit China intensivierten, wurde das Programm eingestellt.
Viele Anhänger des Dalai
Lama, die den Buddhismus mehr als esoterischen Kult sehen denn als
Religion, sind erstaunt, wenn sie von der Zusammenarbeit ihres Idols mit
dem amerikanischen Geheimdienst hören. Oder wenn sie erfahren, dass die
Ausbreitung des Buddhismus in Asien ähnlich blutig verlief wie die des
Islam in Arabien oder die christlichen Kreuzzüge.
Immer wieder lieferten sich
auch einzelne Klöster in Tibet brutale Kämpfe. Der Buddhismus ist nicht
unbedingt toleranter als andere Religionen. In einem Interview mit dem
"Playboy" bezeichnete der Dalai Lama homosexuelle Praktiken als
"Fehlverhalten", die Lehren verurteilten es auch, "mit der
eigenen Frau oder einer Partnerin oralen oder analen Sex zu haben".
Auf Anraten seines amerikanischen Verlegers sind ähnlich klingende Passagen
aus seinem Buch "Ethics for the New Millenium" entfernt worden.
Der Dalai Lama ist ein
Harmoniemensch, er will es allen recht machen. Doch er wird sich der
Auseinandersetzung stellen müssen.
Denn auch in der tibetischen
Exilgemeinde wächst die Kritik.
"Seine Heiligkeit lebt
wie in einer Blase, ohne Kontakt zur Außenwelt", sagt der langjährige
Aktivist Lhasang Tsering, der heute in Little Lhasa einen Buchladen
betreibt.
"Religion und Politik
sollten endlich getrennt werden." Das fordert auch Jamyang Norbu.
"Der Dalai Lama ist kein schlechter Mensch", sagt der ehemalige
Chefredakteur der eingestellten Zeitung "Mang-Tso", "aber er
beginnt, unserer Entwicklung im Wege zu stehen." Und ergänzt: "Wir
haben keine Demokratie. Vieles ist heute sogar schlechter als 1959. In den
alten Tagen gab es drei Zentren der politischen Gewalt: den Dalai Lama, die
Klöster und die Adeligen." Heute ist der Dalai Lama als einzige
Führungsperson übrig geblieben.
Bildunterschrift:
FOTO: Melanie FREY/Fedephoto
Konflikte zwischen Religionen
sind das Bedauerlichste, was es gibt. Auf dem evangelischen Kirchentag wird
der Dalai Lama 2003 in der Berliner Waldbühne von 15 000 Gläubigen für sein
Bekenntnis zur religiösen Toleranz bejubelt. "Dalai Lama, hör auf zu
lügen", steht auf dem Transparent von 600 Demonstranten, die 2008 in
Nantes vom Oberhaupt der Tibeter Religionsfreiheit fordern.
FOTOs: Barbara Esser/KNA; Vincent
NGUYEN/RIVA-PRESS
Ich bin nur ein einfacher
buddhistischer Mönch, der hier einen unpolitischen Besuch absolviert Von
einem Trachtenverein lässt sich der Dalai Lama 1998 beim Besuch im
Salzkammergut einen Ischler Hut aufsetzen. Auch gegenüber Österreichs
Rechtsaußen Jörg Haider zeigte der Friedensnobelpreisträger keine
Berührungsängste, wie hier 2006 auf dem Flughafen Klagenfurt
FOTOs: AP; DANIEL
RAUNIG/Reuters
Hätten die Chinesen die
Tibeter wie echte Brüder behandelt, wäre ich als Dalai Lama nicht so
populär. Dieses Verdienst gebührt den Chinesen
FOTOs: AP; Ruedes Archives/
SPPS/Keystone
Chinesische Truppen
blockieren im März 2008 während der Aufstände in Tibet den Zugang zu einem
Kloster. Die Mönche setzen sich aus Protest auf die Straße. 1955 trifft der
junge Dalai Lama KP-Chef Mao Zedong. Später nimmt der Druck Pekings zu, aus
Solidarität mit den Tibetern ist Kritik an ihrem Oberhaupt im Westen von da
an verpönt. Der offizielle Wahrsager des Dalai Lama, Thupten Ngodup, in
seinem 40 Kilo schweren Ritualgewand. Auch bei politischen Entscheidungen
hat das Orakel mehr zu sagen als das Parlament. Die einzige kritische
Zeitung "Mang-Tso" (Demokratie) wurde 1996 auf Druck der
Regierung eingestellt
FOTOS: Remi OCHLIK/IP3/Studio
X;
AP; Magnum Photos /Agentur
Focus;
Ruedes Archives/Studiox
Die Eltern und Brüder des Dalai
Lama auf einer Aufnahme um 1940. Da ist der auserwählte Sohn der
Bauernfamilie schon von Mönchen nach Lhasa geholt worden. Auf dem
Kinderfoto von 1939 ist der spätere Dalai Lama vier Jahre alt. 1959 flieht
das Oberhaupt der Tibeter mit Anhängern vor den Chinesen nach Indien. Der
Dalai Lama mit seiner Familie 1956 in Tibet. Viele seiner Angehörigen
bekleideten auch später im indischen Exil hohe Ämter. In Chile trifft der
Dalai Lama 1992 den Esoteriker und Hitler-Fan Miguel Serrano. Etwa zu
dieser Zeit kommt es auch zum Shakehands mit Bruno Beger, einst
Rassenforscher des SSAhnenerbes und Teilnehmer einer Tibetexpedition der
Nazis. Zu seinem Lehrer Heinrich Harrer pflegte der Dalai Lama eine
herzliche Freundschaft. Die Nazivergangenheit des einstigen SS-Oberscharführers
(links neben Hitler 1938 beim Empfang für die Erstbesteiger der
Eiger-Nordwand) störte ihn nicht. Mit der bizarren Skulptur löste der
spanische Künstler Eugenio Merino heftige Debatten aus. Vor allem die
westlichen Anhänger des Dalai Lama reagierten empfindlich.
FOTOS: picture-alliance/Helga
Lade
Foto; ullst ein bild; action
press
Ich bin für Sie, was Sie
wollen, dass ich für Sie bin
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