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LESERBRIEFE
Sehr
verehrte Frau, sehr geehrter Herr Trimondi,
ich habe Ihr Buch „Krieg der Religionen“ von der ersten bis zur letzten
Seite gelesen, keine kleine Leistung, finde ich, doch welch eine Leistung,
es zu schreiben! Offen gesagt, ich habe die Gefährlichkeit des
apokalyptischen Messianismus in den abrahamitischen Religionen bisher weit unterschätzt.
Sie haben mir mit ihrem umfassenden, sorgfältig recherchierten und
glänzend geschriebenen Werk die Augen geöffnet. Dafür möchte ich Ihnen
herzlich danken.
Ich bin seit einiger Zeit mit einem Buchprojekt zugange, das sich mit dem
Thema Ihres Buches teilweise überschneidet. Inhalt dieser Studie ist
Gandhis religiöses Denken und seine Sicht des Christentums. Im
Wesentlichen handelt es sich dabei um eine Auseinandersetzung mit dem
religiösen Fundamentalismus und zwar nicht wie bei Ihnen von einem
der Aufklärung verpflichteten wissenschaftlichen, sondern von einem
religiösen Standort aus.
Alles, was Sie über die Notwendigkeit der Selbstkritik der Religionen,
der abrahamitischen zumal, schreiben, hat meine
volle Zustimmung. Auch haben Sie zweifellos Recht, wenn Sie die Werte,
die Hans Küng im Projekt Weltethos als religiöse
reklamiert, der – auf antike Wurzeln zurückgreifenden – europäischen Aufklärung
zuschreiben. Mir scheint aber auch eine Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus
von einem religiösen Standort aus wünschenswert, ja notwendig. Für
mich verkörpert Gandhi eine Form der Religion, die dem Fundamentalismus
auf religiösen Gebiet Paroli bieten kann, weil er:
1. den absoluten Wahrheitsanspruch der abrahamitischen
Religionen infrage stellt und
2.
sich mit der Gewaltgeschichte der Religionen kritisch auseinandersetzt.
Nur ein Zitat als Beleg: „Religion kann nur durch die Reinheit ihrer Anhänger
und ihre guten Taten verteidigt werden, niemals aber durch ihre
Kämpfe mit den Anhängern anderer Glaubensrichtungen.“
Ihr Vorschlag, auf dem Jerusalemer Tempelberg einen Garten anzulegen, der
den Gläubigen aller Religionen offen steht, ist bedenkenswert, nur
wird er, nach allem, was Sie geschrieben haben, bei Juden, Christen
und Muslimen auf taube Ohren stoßen. Ich kann nicht einmal wünschen, dass
die Al Aqsa Moschee und der Felsendom abgetragen
und woanders wieder aufgebaut werden. Sie stehen dort seit vielen
hundert Jahren und sollten dort auch stehen bleiben, selbst wenn sich
eines Tages eine Synagoge und eine Kirche hinzugesellen. Ich glaube
nicht, dass die Bombe Tempelberg bzw. Jerusalem bzw. Palästina,
deren Explosion einen Weltbrand auslösen kann, sich auf diese Weise entschärfen
lässt. Ich sehe einen anderen Weg zur Lösung des Problems, sofern
nicht ohnehin jeder Lösungsversuch zu spät kommt. Wir müssen die kritische
Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus und den Gewalttraditionen
der Religionen an jedem Punkt der Erde suchen mit dem Ziel, dem
„Krieg der Religionen“ einen „Frieden der Religionen“ entgegenzusetzen,
d.h. die Konflikte auf allen Ebenen und in allen Bereichen mit
gewaltfreien Mitteln lösen. Gelingt das, so ist es letztlich
gleichgültig, ob auf dem Tempelberg in Jerusalem ein Tempel, eine
Moschee, eine Kirche oder eine Synagoge steht, oder aber alle
zusammen oder gar nichts. Das Entscheidende, worauf es ankommt, geschieht
dann in der Brust eines jeden Menschen und nicht auf einem Berg, sei
er auch noch so heilig.
Über einen weiteren Austausch würde ich mich freuen. Die Zahl der Menschen,
die sich um eine vernünftige Lösung religiöser und politischer
Konflikte bemühen, ist ja so erschreckend klein.
Mit freundlichen Grüßen Wolfgang Sternstein
P.S. Ich füge eine Besprechung meiner Autobiografie bei.
http://www.lebenshaus-alb.de/mt/archives/002713.html
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